Wenn man als Autor Glück hat

oder

Grundvoraussetzungen fürs Gelingen einer Lesung

Vorneweg: Meines Erachtens sind Lesungen in Schulen mehr denn je notwendig. Sie sind ein wichtiger Teil der Leseförderung, die mir sehr wichtig ist. Ein Kollege hat mal zu mir gesagt, er lese nicht in Gefängnissen und Schulen, weil das Zwangsveranstaltungen seien. Damit hat er natürlich recht, es sind Zwangsveranstaltungen. Aber es gibt ja auch einen heilsamen Zwang: An Schullesungen müssen alle Kinder teilnehmen, auch die, die man bei Nachmittagslesungen in Büchereien und Buchhandlungen nicht erreicht, weil sie da nicht hingehen oder nicht hingebracht werden. Warum auch immer. Um auch solche Kinder zu erreichen, lese ich seit vielen, vielen Jahren in Schulen. Zuletzt habe ich das zwei Wochen lang im Rahmen der Frederick-Tage in Baden-Württemberg getan. Die gibt es seit 1997. Sie sollen möglichst vielen Kindern Lust auf Bücher und aufs Lesen machen.

Nach drei Jahren Corona-Pause habe ich mich darauf mehr gefreut als zuvor. Doch auch diesmal habe ich wieder erfahren müssen: Lesungen sind Glückssache oder genauer: Ob Lesungen glücken oder nicht, hängt von verschieden Dingen ab. Wenn man als Autor Glück hat, kommen diese Dinge zusammen; wenn nicht, hat man Pech gehabt.

Welche Dinge das nach meinen Erfahrungen sind? Ich will mal ein paar wichtige nennen:

  • Eine Lesung sollte schon lange vor der Lesung beginnen, indem die Kinder darauf vorbereitet werden. Das absolute Minimum dabei ist, ihnen wenigstens zu sagen, dass ich komme, wie ich heiße und was ich so geschrieben habe.
  • Schön wäre es, wenn sich die Klasse im Vorfeld schon mit mir beschäftigen und vielleicht sogar etwas von mir lesen würde.
  • Sehr hilfreich ist es, wenn die Lehrer*innen die Kinder vor Beginn der Lesung bitten, auf die Toilette zu gehen und sie gleichzeitig darauf hinweisen, dass das während der Lesung nur in äußersten Notfällen getan werden soll.
  • Ebenfalls hilfreich ist es, wenn die Lesung in einem abgeschlossenen, möglichst ruhigen Raum stattfindet, in dem jedes Kind auf einem Stuhl sitzt. Und die Kinder sollten etwa im gleichen Alter sein, also nicht die Klassen 1 bis 4 zusammentun, weil die Grundschule ja nur um die 60 bis 70 Schüler*innen hat.
  • Notwendig und sinnvoll ist es auch, wenn für jede Klasse eine Lehrerin oder ein Lehrer nicht nur anwesend, sondern wirklich präsent ist. Ist das nicht der Fall oder beschäftigen sich anwesende Lehrpersonen vorwiegend mit ihrem Smartphone, sind sie nicht nur schlechte Vorbilder, sondern zu einer angemessenen Nachbereitung der Lesung nicht in der Lage.

Sind wenigstens diese Dinge, die ich mal Grundvoraussetzungen nenne, gegeben (was überhaupt nicht selbstverständlich ist), muss ich meinen Teil dazu beitragen, dass die Lesung glückt. Also versuche ich, in den ersten Minuten einen Draht zu der Gruppe zu finden. Das mache ich meistens in einer ersten kleinen Gesprächsrunde, sozusagen zum gegenseitigen sich beschnuppern. Dabei ergibt sich oft, aus welchem Buch ich zuerst lese. Ist die Gruppe zurückhaltend oder sagt mir, dass ich als Einstieg etwas vorlesen soll, mache ich das. Ich bin da völlig offen, lasse mich auf die Kinder und ihre Wünsche ein und animiere sie immer wieder zum Mitmachen. In den allermeisten Fällen glückt das (sonst würde ich schon lange keine Lesungen mehr machen).

Mir ist bewusst, dass ich mit meinen nach wie vor „analogen Lesungen“ (eine Stunde nur ich und meine Bücher, ohne jedes Brimborium) viel von den Kindern verlange, von manchen, die längeres Zuhören nicht mehr gewohnt sind, sehr viel. Aber wenn es glückt (und es glückt zum Glück oft), wenn ich die Gesichter der Kinder sehe und darin sehe, dass sie dabei sind, dass sie mitgehen, ist es beglückend. Und wenn ich dann noch (wie letzte Woche geschehen) schon auf der Heimfahrt eine E-Mail der Schulleiterin einer Nachbarschule erhalte, mit der Bitte, doch auch in ihre Schule zu kommen und die Kinder fürs Lesen zu begeistern, dann freue ich mich so, dass ich es mit Worten kaum ausdrücken kann – und zu singen beginne.

© Manfred Mai

© Tanja Höfliger